Nachdem die originale Broadway-Produktion von „Chicago“ in 1975 eher mäßig erfolgreich war, begeistert das reduzierte Revival seit inzwischen fast 25 Jahren das Publikum weltweit.

Am Theater Bonn ist nun eine der seltenen, neuerdachten Produktionen zu sehen, welche mit einigen Musical-Stars besetzt ist – wir berichten euch in unserer Musical-Kritik:

Das Musical:

„Chicago“ (Buch: Fred Ebb & Bob Fosse) spielt während den 1920er Jahren in einem Frauengefängnis, in dem die Tänzerin Roxie Hart nach dem Mord an ihrem Liebhaber eingesperrt wird. Dort trifft sie auf Velma Kelly, die Dank der Verteidigung von Anwalt Billy Flynn in den Medien präsent ist. Als auch Roxies Fall von ihm übernommen wird, entsteht zwischen den beiden Tänzerinnen eine Rivalität über die Präsenz auf den Titelseiten der Stadt und die daraus folgende Karriere. In diesem Setting wirft das Stück einen unterhaltsamen, aber kritischen Blick auf Wahrnehmung und Wirklichkeit…

Thematisch passend wird die Geschichte revueartig mit beschwingter Jazz-Musik von John Kander erzählt. Die Big Band unter der Leitung von Jürgen Grimm, die ebenfalls wie in der bekannten Lizenz-Produktion auf der Bühne zu bestaunen ist, intoniert diese mit einem vollen Klang, der direkt zu Beginn des Stücks wunderbar zur Geltung kommt.

Die Besetzung:

Bettina Mönch etabliert sich in der Rolle von ‚Velma Kelly‘ bereits in der englischsprachigen Eröffnungsnummer „All that Jazz“ als verruchte Leading Lady, die mit ihrer dunklen Stimme und starken Präsenz die Bühne kommandiert. Das elektrisierende Opening wird direkt vom Publikum mit donnerndem Applaus bejubelt.

Elisabeth Hübert ist als unschuldig wirkendes, aber impulsiv handelndes Showgirl ‚Roxie Hart‘ eine mindestens ebenbürtige Konkurrenz. Wie Mönch präsentiert sie sich den Abend über als Triple Threat und kann vor allem mit perfektem, komödiantischem Timing begeistern.

Mit Anton Zetterholm als ‚Billy Flynn‘ ist die Rolle jünger als sonst üblich angelegt, was aber dem Charisma des glatten, arroganten Anwalts keinen Abbruch tut. Bereits bei seinem ersten Auftritt erklärt er dem Publikum zugewandt seine Motivation, gewinnt es so für sich und zeigt damit noch vor der ersten Verhandlung sein Verständnis für das Showbiz.

Dionne Wudu hat als dominante, aber bestechliche ‚Mama Morton‘ nicht nur im Gefängnis das Sagen, sondern leitet auch als Vaudeville-Sprecherin stimmgewaltig durch den Abend.

Dagegen ist Enrico de Pieri als Roxies treu-doofer Ehemann ‚Amos Hart‘ rollenbedingt unscheinbar. Als trauriger Clown klagt er glaubhaft und mit präziser Gestik über sein Schicksal, sodass das Publikum fortan Mitgefühl für ihn entwickelt und bekommt statt der ausbleibenden Abgangsmusik reichlich Applaus.

Als stets verzückte Klatschreporterin ‘Mary Sunshine‘ und damit als lebende Metapher für Schein & Sein in Chicago brilliert V. Petersen.

Nicht nur die Hauptrollen sind fantastisch besetzt: Das ganze Ensemble nimmt verschiedenste Nebenrollen ein und erweckt in dieser Funktion das Treiben im Chicago der 20er Jahre glaubhaft zum Leben. Die Spielfreude aller Beteiligten wird vor allem in Jonathan Huors energiegeladenen Choreografien deutlich, die teils lasziv, teils aggressiv und immer stilgemäß wirken.

Die Show:

Gil Mehmert erzählt die Geschichte revueartig in einem alten Vaudeville-Theater mitsamt Drehbühne (Bühne: Jens Kilian) verlagert und bereits als Bettina Mönch für ihren ersten Auftritt von oben in einem französische Bett heruntergelassen wird, ist klar, dass diese Inszenierung nicht so reduziert wird wie das Original. Immer wieder fungieren auffällige Bühnenteile als sinnvolle Stilmittel und zusammen mit dem Licht von Boris Kahnert entstehen beeindruckende Bilder. Auch die Kostüme von Falk Bauer sind auf glitzerndes Show-Business getrimmt, wobei die interessanten Figuren und pointierte Handlung in dieser Darstellung keineswegs daneben untergehen.

„Chicago“ am Theater Bonn bietet zu Beginn der neuen Spielzeit mit einem frischen Blick auf das bekannte Musical und vor allem einer erstklassigen Besetzung über alle Rollen hinweg beste Unterhaltung, die das dankbare Premierenpublikum im nahezu vollbesetzten Haus mit vier Verbeugungen honoriert.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen und Tickets für „Chicago“ am Theater Bonn erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 29. August 2021 im Opernhaus Bonn.
Vielen Dank an das Theater Bonn für die freundliche Bereitstellung der Karten!

(Bildquelle (c) Thilo Beu)

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