Einige Broadway-Musicals haben die Pandemie genutzt, um die Shows für eine Streaming-Veröffentlichung aufzuzeichnen – so auch „Come From Away“, welches ab dem 10. September auf Apple TV+ verfügbar ist.

Wir haben mit Regisseur Christopher Ashley über „Come From Away“ gesprochen, der für die Bühnenfassung mit einem Tony Award ausgezeichnet wurde und nun den Film inszenierte:

Musicalzone.de: Christopher, könntest du dich unseren Leserinnen und Lesern bitte vorstellen?

Christopher Ashley: Ich bin Christopher Ashley, der Regisseur von „Come From Away“.

MZ: Was war dein erster Gedanke als du von “Come From Away” gehört hast – einem Musical, welches sich mit den Attacken vom 11. September 2001 beschäftigt…

CA: Ich habe mich zunächst nicht getraut das Skript zu öffnen, auch da ich während 9/11 in New York war und daher noch einige schwierige Gefühle mit diesem Tag assoziierte. Aber als ich dann zu lesen begann merkte ich schnell, dass es nicht um die Attacken geht, sondern die Geschehnisse in der einer Kleinstadt in Neufundland. Es ist also eher eine 9/12-Geschichte, also wie Menschen auf eine Tragödie reagieren.

MZ: Bald jähren sich die Ereignisse zum 20. Mal – warum glaubst du ist die Geschichte heute noch relevant?

CA: Als ich am ersten Tag der Dreharbeiten zu unserem Broadway Theater lief, bin ich durch den leeren Times Square gelaufen. Als ich mich zurückerinnert habe realisierte ich, dass ich ihn zuletzt nach dem 11. September 2001 so leer gesehen habe. Es gibt meiner Meinung nach einige Parallelen zwischen unserer aktuellen Situation und damals: In der Geschichte geht es um Güte, Großzügigkeit und das gegenseitige Kümmern, was heute bestimmt wichtiger ist als je zuvor.

MZ: Wann habt ihr beschlossen, dass ihr das Musical während der Pandemie aufzeichnen wollt?

CA: Wir wollten das Musical schon seit einigen Jahren auf der Bühne aufnehmen und haben hierfür nach der passenden Gelegenheit gesucht. Kurz zuvor hatte ich erst mein anderes Musical „Diana“ für Netflix gefilmt, also haben wir während des Schnitts mit den Gesprächen über „Come from Away“ begonnen und es wirkte wie der perfekte Zeitpunkt. Einerseits wegen der Pandemie, die wir gerade durchleben, aber auch da wir deshalb nicht jeden Tag ein Publikum im Theater haben. Aus diesem Grund konnten wir die Show cineastischer festhalten als es sonst möglich gewesen wäre. Wir konnten eine Kamera hinter der Action platzieren, seitlich und auch Kräne nutzen, die sich vom Auditorium ins Geschehen bewegten. Diese filmische Qualität wäre ansonsten kaum möglich gewesen.

MZ: Wie war es “Come from Away” nun für die Kameras statt der Bühne zu inszenieren?

CA: Wir hatten eine Traumcast für den Film: Einige originale Castmitglieder, die seit fünf oder sechs Jahren damit zu tun haben, sowie welche, die nach der Rückkehr an den Broadway im Herbst wieder darin zu sehen sein werden. Am letzten Drehtag hatten wir dann ein Publikum, was während einer Pandemie sehr herausfordernd zu realisieren war. Aber es war so emotional, da darin First Responder und Angehörige saßen, die sehr intensive Gefühle mit den Ereignissen in Verbindung bringen. Außerdem war es das erste Mal, dass Menschen wieder in einem Broadway Theater saßen und so fühlte es sich wie ein Meilenstein auf der Rückkehr zum Live-Theater als Gemeinschaft an.

MZ: Und hast du für die Aufnahme etwas an deinen Regieanweisungen auf der Bühne verändert, die damals mit einem Tony Award ausgezeichnet wurde?

CA: Was die Darstellerinnen und Darsteller machen ist sehr ähnlich zu der üblichen Performance. Das Publikum hat allerdings die Möglichkeit ganz neue Blickwinkel einzunehmen, die sonst gar nicht möglich wären. Durch die Close-Ups konnte sogar ich noch neue Nuancen im Schauspiel oder den Beziehungen zwischen den Charakteren entdecken, die ich aus der zehnten oder 20. Reihe bisher nicht wahrnehmen konnte.

MZ: Konntest du von der vorherigen Aufnahme von „Diana“ etwas mitnehmen?

CA: Ja, wir haben sogar mit einigen der gleichen Kameraleuten zusammengearbeitet. So konnten wir uns noch besser abstimmen und ich hatte während der Aufnahmen direkten Kontakt zu ihnen, sodass ich ihnen direkt ins Ohr kommunizieren konnte, wo sie sein und wie sich diese bewegen sollten. Gerade da die Musik eine so wichtige Rolle in diesem Stück spielt können die Kameras dieser Dynamik folgen und sich entsprechend mitbewegen oder in stillen Momenten auch zur Ruhe kommen. Unser wunderbarer Bildregisseur hat die Szenen wunderbar eingefangen und großen Respekt für die Arbeit unseres mittlerweile verstorbenen Licht-Designers gezeigt. So wie seine Kameras das Licht und die Bewegung genutzt haben fand ich sehr aufregend.

MZ: Wie war es Teile der originalen Broadway-Besetzung nun für die Aufzeichnung wieder zu vereinen?

CA: Es war so emotional sich wiederzusehen! Am ersten Tag waren wir um einen Konferenztisch in einem Hotel, sodass es zunächst schwierig war das Staging nachzustellen, aber nachdem man so lange isoliert war, war es ein wunderbares Erlebnis zusammenzukommen, um eine so wichtige Geschichte zu erzählen.

MZ: Auf was freust du dich am meisten, wenn Theater am Broadway und weltweit wiedereröffnen?

CA: Ich habe während der letzten 1,5 Jahre an den beiden Filmen gearbeitet und leite das La Jolla Playhouse, aber ich freue mich die Arbeit anderer wieder zu genießen. Es ist so lange her, dass ich im Publikum saß und mit anderen zusammen lachen, schweigen & gemeinsam eine Geschichte erleben konnte. Tatsächlich sehe ich heute Abend mit „Passover“, die erste Show seit über einem Jahr, die ich nicht inszeniert habe und das wird unglaublich!

MZ: Genieß es und vielen Dank für deine Einblicke – alles Gute!

Wer Christopher Ashleys Arbeit und die Stars der originalen Broadway Produktion wie Jenn Colella  in „Come From Away“ sehen möchte kann die Aufzeichnung auf Apple TV+ streamen.

Vielen Dank an Apple für die Interview-Möglichkeit!

(Bildquelle (c) Apple)

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