Im Fernsehen begeisterte der ZDF Dreiteiler „Ku‘damm 56“ 2016 über sechs Millionen Zuschauer, nun wurde die Geschichte als Musical adaptiert.

Wir haben die Bühnenadaption in Berlin besucht und berichten euch:

Werbebanner

Das Musical „Ku‘damm 56”:

Die Geschichte spielt 1956 in der Berliner Tanzschule Gallant, die Catarina Schöllack beitreibt. Als alleinerziehende Mutter ist sie darum bemüht ihre jungen Töchter gut zu verheiraten. Doch ihre Tochter Monika entspricht nicht der Norm und muss erstmal ihren Platz in der Gesellschaft finden.
In diesem Kosmos werden die brisanten Themen aus dem Nachkriegsdeutschland angesprochen. Dazu zählen Spuren der Nationalsozialisten in der Gesellschaft, Sexualität sowie Geschlechterrollen im Wandel. Annette Hess hat ihre Serie für die Bühne adaptiert. Die kürzere Dauer sorgt allerdings für eine hohe Taktung und (v.a. im zweiten Akt) sprunghafte Übergänge zwischen diesen. Auch lässt die Geschichte einige Auflösungen vermissen.

Peter Plate & Ulf Leo Sommer haben entsprechend den Situationen in unterschiedlichsten Stilen komponiert, darunter Rumba & Operette. Aber auch eingängige Pop-Nummern und zeitgemäßer Rock‘n‘Roll reißen mit, den die „Mutter Brause“-Band unter der Leitung von Caspar Hachfeld auf der Bühne performt. Die Lieder ermöglichen oftmals passende Einblicke in die Gefühlswelt der Charaktere und vermitteln diese mit metaphorischen Lyrics.

Die Besetzung der Uraufführung:

Sandra Leitner ist als ‚Monika‘ zunächst unscheinbar und fühlt sich sichtlich fehl am Platz. Nachdem sie ihre Leidenschaft für den rebellischen Rock‘n‘Roll entdeckt, gewinnt sie an Selbstvertrauen und steht für sich sowie ihre Überzeugungen ein. Leitner wandelt sich hierfür überzeugend von einer grauen Maus gänzlich zu einer selbstbestimmten Frau und unterstreicht ihre Standpunkte mit ihrem starken Belt.

David Jakobs ist als ‚Freddy‘ ein charismatischer Draufgänger, der den Rock‘n‘Roll verkörpert. Er kommandiert als Frontmann die Bühne, füllt die Rolle stimmlich entsprechend aus und überrascht mit ungehörten Variationen.

Katja Uhlig führt als ‚Catarina Schöllack‘ ein strengkonservatives Regiment und gibt Gefühlen – geprägt von der Nachkriegszeit – kaum Raum. Umso eindrucksvoller sind Risse in dieser Schale. So auch der Zusammenbruch in ihrem nostalgischen, operettenartigen Solo „Früher“, den sie mit gekonnter Atemkontrolle intoniert.

Der Sohn des Waffenfabrikanten, ‚Joachim Frank‘, kann das Geschäft seines patriarchischen Vaters (Dominik Schulz) nicht nachvollziehen. Ebenso wie Monika wird er dessen Ansprüchen nicht gerecht. David Nádvornik bringt das Trauma des gefühlstauben Charakters nuanciert zum Ausdruck, fällt stimmlich aber ab.

Tamara Pascual kommt als gutgläubige ‚Helga‘ mit ihren traditionellen Ansichten nach ihrer Mutter, wenngleich sie in der Rolle der Hausfrau noch überfordert wirkt. Ihr Mann ‚Wolfgang‘ (Dennis Hupka) will sie glücklich machen, kämpft aber verzweifelt mit seiner Homosexualität – wie er sich gefühlvoll im Solo „Ein besserer Mensch“ eingesteht.

Isabel Waltsgott hat als kesse ‚Eva‘ klare Ansprüche an Ihren zukünftigen Ehemann und verfolgt ihr Ziel entsprechend, was für ein unterhaltsames Zusammenspiel mit Holger Hauer als intellektuellem ‚Professor Fassbender‘ sorgt.

Auch die weiteren Rollen sind gemäß der Vorlage optimal besetzt und spielen authentisch. Das Ensemble an sich umfasst, je nach Szene, auch sämtliche Darsteller und strotzt vor Spielfreude. So bringt es Berlin mit den ausdrucksstarken Choreografien von Jonathan Hour sowie einer vollen Klangkulisse zum Beben.

Die Show in Berlin:

Christoph Drewitz erzählt die Geschichte von „Ku‘damm 56“ in einer temporeichen Inszenierung, die sich mit schnellen Wechseln über mehrere Ebenen erstreckt. Trotz der anspruchsvollen Themen kommt die Unterhaltung nicht zu kurz, wenn das heutige Publikum Sprüche aus den 60er zu hören bekommt. Doch auch die wirklich dramatischen Szenen wirken intensiv und können für Gänsehaut sorgen. Weiterhin kommt die Ausstattung von Andrew D. Edwards ohne jeglichen Kitsch aus: Er bietet dem Cast in authentischen Kostümen eine weitestgehend leere Bühne (mit bröckelnden Putz an den Wänden) sowie ein bespielbares Gestell an. Im Club sowie Monikas Innenleben sorgt eine mit LED-Röhren gespickte Decke für eindrucksvolle Momente, während das Licht von Tim Deiling sonst bei der Blickführung hilft.

„Ku‘damm 56“ ist ein intensives Musical, welches anspruchsvolle Themen nicht scheut. Es nutzt die unterhaltsame Prämisse und den herausragenden Cast, um diese nach zu besprechen und funktioniert im Berliner Theater des Westens stellenweise wie eine mitreißende Zeitreise.

Weitere Informationen und Tickets zu „Ku’damm 56 – das Musical“ in Berlin erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 5. Dezember 2021 (Matinee) im Theater des Westens.

Vielen Dank an pop-out für die freundliche Einladung der Pressekarten für „Ku’damm 56“!

(Bildquelle (c) Jörn Hartmann / Dominic Ernst)

Teile das mit deinen Freunden via: