Ein Märchen, das Platz zum Atmen lässt
Disney-Zauber ohne Märchenschloss in jeder Ecke. Mit „Die Schöne und das Biest“ holt VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck die Neuinszenierung von Regisseur und Choreograf Matt West nach Wien. Die Geschichte bleibt vertraut, doch Matt West setzt in seiner Inszenierung andere Schwerpunkte. Belle ist keine Prinzessin, die auf ihren Prinzen wartet. Sie weiß ziemlich genau, was sie nicht will. Und das ist vor allem Gaston. Gleichzeitig bekommt das Biest mehr Humor und Verletzlichkeit. Dazu kommen eine neue deutsche Fassung, große Choreografien und eine Cast, die bis in die Nebenrollen überzeugt. Wir haben die Show im Raimund Theater besucht und berichten euch:
Das Musical „Die Schöne und das Biest“:
Ein Prinz weist eine alte Frau ab. Die vermeintliche Bettlerin entpuppt sich als Zauberin und aus dem Prinzen wird vor den Augen des Publikums ein Biest. Kein Schnitt, kein Filmtrick. Ein Mensch steht auf der Bühne und Sekunden später ein völlig anderes Wesen. Ein starker Effekt gleich zu Beginn.
Den Rest der Geschichte dürften die meisten kennen.
Das Buch von Linda Woolverton folgt der bekannten Geschichte und stellt mit Belle eine Heldin in den Mittelpunkt, die nicht so recht in ihre Umgebung passen will. Sie ist belesen, neugierig und ziemlich immun gegen Gastons Charme. Während das ganze Dorf ihn anhimmelt, möchte er vor allem eines: Belle besitzen. Dass sie dabei eigene Vorstellungen von ihrem Leben hat, kommt in seiner Rechnung nicht vor.
Das Biest beginnt nicht viel sympathischer. Es ist aufbrausend, ungeduldig und hat offensichtlich wenig Übung darin, mit anderen Menschen umzugehen. Doch anders als Gaston lernt es dazu. Am Ende ist es bereit, Belle gehen zu lassen.
Und genau darin liegt der Kern dieser Liebesgeschichte.
Die ersten Töne reichen und plötzlich ist sie wieder da, die Kindheit.
Alan Menkens Musik ist so eng mit dem Disney-Film verbunden, dass Songs wie „Belle“, „Gaston“ oder „Die Schöne und das Biest“ unmittelbar vertraut wirken. Die Bühnenfassung bringt zusätzlich Lieder mit, die im Zeichentrickfilm nicht vorkommen. Für Wien wurde außerdem eine neue deutsche Fassung von Roman Hinze geschaffen.
Das fällt auf. Wer die bekannten Lieder seit Jahren im Ohr hat, stolpert zunächst über die eine oder andere neue Textzeile. Lange dauert die Umgewöhnung allerdings nicht. Zu stimmig fügt sich die Musik in den Abend.
Unter der musikalischen Leitung von Herbert Pichler sorgt das Orchester der Vereinigten Bühnen Wien für den passenden Disney-Klang. Mal leise und romantisch, dann wieder groß, verspielt und voller Energie. Vor allem aber trägt die Musik dieses Märchen, ohne ihm die Leichtigkeit zu nehmen.
Die Besetzung der Premiere
Marlene Jubelius gibt ihrer Belle von Beginn an Klarheit und Selbstbewusstsein. Ihre Belle ist neugierig, eigenständig und weiß sehr genau, wann ihr jemand zu nahe kommt. Jubelius verbindet diese Stärke mit Wärme und einer klaren, mühelos wirkenden Stimme. Gerade dadurch funktioniert die selbstbestimmte Seite der Figur ganz selbstverständlich, ohne dass die bekannte Belle dabei verloren geht.
Dominik Hees macht aus dem Biest keinen dauergrummelnden Märchenbösewicht. Sein Biest ist aufbrausend, ungeschickt, verletzlich und erstaunlich komisch. Manchmal geradezu hibbelig. Doch das passt zur Interpretation. Hinter Fell, Hörnern und Wutausbrüchen wird schnell jemand sichtbar, der mit seinen eigenen Gefühlen heillos überfordert ist. Dass dadurch der Schrecken der Figur etwas zurückgenommen wird, schadet der Produktion kaum. Allein Erscheinung und Maske sorgen noch für genügend Respekt, während Hees der Figur dahinter zunehmend Menschlichkeit gibt. Gesanglich überzeugt er dabei durchgehend.
Roy Goldman hat als Gaston dagegen überhaupt keine Zweifel an sich selbst. Warum auch? Schließlich hält er sich für das Beste, was Belle passieren könnte. Selbstverliebt und überheblich spielt er einen Mann, der gar nicht auf die Idee kommt, Belle könnte ihn tatsächlich nicht wollen. Goldman spielt diese grenzenlose Selbstsicherheit genüsslich aus. Großspurig, charmant, vollkommen von sich überzeugt und genau deshalb so unterhaltsam.
Den passenden Gegenpart dazu liefert Linus Al Baroffio als Lefou. Mit präzisem Timing, viel Körpersprache und einer herrlichen Ergebenheit gegenüber seinem großen Vorbild macht er aus Gastons Begleiter eine Figur, die auch dann auffällt, wenn sie gerade nicht im Mittelpunkt steht. Besonders das Zusammenspiel mit Goldman sitzt.
Simon Stockinger bringt als Lumière Leichtigkeit und französischen Charme ins verwunschene Schloss. Mit schelmischem Spiel und viel Energie treibt er nicht nur seine Mitbewohner an, sondern führt auch durch einen der größten Showmomente des Abends.
Wietske van Tongeren gibt Madame Pottine genau die Wärme, die das verwunschene Schloss braucht. Zwischen all den großen Gesten und schnellen Pointen schafft sie ruhige Momente, ohne dabei an Präsenz zu verlieren. Stimmlich setzt sie ohnehin ihre ganz eigenen Akzente.
Mathias Schlung beweist als Herr von Unruh, wie viel Wirkung gutes komödiantisches Timing haben kann. Jede Bewegung, jede kleine Reaktion sitzt. Seine Standuhr ist herrlich nervös, wunderbar trocken und bildet gemeinsam mit den übrigen Schlossbewohnern eines der komödiantischen Zentren der Produktion.
Jana Stelley nutzt als Madame de L’Amour jeden ihrer Auftritte. Ihre ehemalige Operndiva darf groß sein, dramatisch und ein bisschen zu viel. Mit großer Spielfreude und bewusst gesetzter Überzeichnung verleiht Stelley ihr eine Präsenz, die weit über die Größe der Rolle hinausgeht.
Birgit Arquin macht als Babette ebenfalls aus vergleichsweise wenig Bühnenzeit erstaunlich viel. Kokett, verspielt und mit einem herrlichen Gespür für ihre Pointen sorgt sie insbesondere im Zusammenspiel mit Lumière für kleine komödiantische Höhepunkte.
Oliver Huether gibt Maurice schließlich genau jene Herzlichkeit, die es braucht, um die enge Beziehung zwischen Vater und Tochter glaubwürdig zu machen. Sein Maurice ist etwas verschroben, liebenswert und vor allem eines: vollkommen überzeugt von seiner Tochter.
Eine besondere Stärke dieser Produktion ist ihr Ensemble. Hier wird nicht nur begleitet. Das Ensemble ist ein wesentlicher Teil der Show.
Besonders deutlich wird das bei „Gaston“. Bierkrüge werden zu Instrumenten einer präzise getakteten Choreografie, die immer größer und schneller wird. Noch eindrucksvoller wird es bei „Zu Gast“. Die Nummer entwickelt sich zur großen Revue mit Stepptanz, Tempo und einer Energie, die das Raimund Theater vollständig einnimmt.
Matt West, der nicht nur Regie führt, sondern auch für die Choreografie verantwortlich zeichnet, lässt hier kaum eine Sekunde ungenutzt. Die großen Ensembleszenen gehören damit zu den Höhepunkten des Abends.
Die Show in Wien
Die Neuinszenierung von Matt West findet auch optisch eine eigene Sprache. Das zeigt sich besonders deutlich beim Bühnenbild von Stanley A. Meyer.
Und genau daran scheiden sich die Geister.
Statt permanent auf große dreidimensionale Kulissen zu setzen, arbeitet die Produktion mit einzelnen realen Elementen, großen Ornamenten sowie Video und Projektionen von Darrel Maloney. Das Bühnenbild wirkt dadurch stellenweise deutlich reduzierter, als man es vielleicht von einem Disney-Musical erwartet.
Doch reduziert bedeutet nicht automatisch weniger wirkungsvoll.
Manche Szenen profitieren gerade von dieser Leere. Der Blick bleibt bei den Figuren, anstatt sich in einer überladenen Märchenwelt zu verlieren. Hinzu kommt, dass diese Gestaltung nicht erst für Wien entstanden ist. Schon die internationalen Produktionen von Matt West arbeiten mit Projektionen, wenigen realen Kulissenelementen und den wandelbaren Ornamenten. Dieses Konzept wurde nun auch für Wien übernommen.
Trotzdem funktioniert dieses Prinzip nicht überall gleich gut. Ausgerechnet die Bibliothek zeigt die Grenze des Konzepts. Für Belle müsste dieser Raum überwältigend sein. Stattdessen bleiben eine Projektion und wenige reale Elemente. Dazu wirkt das Bild auf der großen Fläche nicht immer wirklich scharf. Hier fehlt tatsächlich etwas von der Magie, die die Szene eigentlich verspricht.
Ganz anders sieht es aus, sobald Bühne, Kostüm, Licht und Ensemble gemeinsam arbeiten. Das Lichtdesign von Natasha Katz schafft Atmosphäre, während die Kostüme von Ann Hould-Ward den klassischen Disney-Zauber auf die Bühne bringen. Spätestens bei den großen Ensemblenummern ist von vermeintlicher Leere ohnehin kaum noch etwas zu spüren.
Bei den beiden Hauptfiguren setzt sich dieser etwas andere Blick fort. Belle tritt selbstbewusst auf, das Biest zeigt früh seine verletzliche und komische Seite. Das ganz große romantische Knistern steht dabei weniger im Vordergrund. Die Beziehung der beiden erzählt sich vielmehr über einen entscheidenden Gegensatz: Gaston will Belle besitzen. Das Biest lernt, sie gehen zu lassen, obwohl ihre Abreise für ihn bedeuten könnte, für immer verflucht zu bleiben. Gerade darin zeigt sich seine Entwicklung.
Dass die Inszenierung insgesamt humorvoller ausfällt, macht sie zudem zu einer ausgesprochen zugänglichen Familienproduktion. Die Erwachsenen bekommen Wortwitz und große Showmomente, jüngere Besucher genügend Märchen und Magie. Und das Biest sieht trotz aller komischen Momente noch immer eindrucksvoll genug aus.
Bekannte Disney-Magie, aber nicht einfach noch einmal dasselbe: „Die Schöne und das Biest“ überzeugt in Wien vor allem mit einer bis in die Nebenrollen starken Cast, großartigen Choreografien und dem Mut, dem Märchen auch einmal Platz zum Atmen zu lassen.
Weitere Informationen und Tickets für „Die Schöne und das Biest“, das Musical in Wien erhaltet ihr hier.
Besuchte Vorstellung: 25. September 2026 (Medienpremiere von „Die Schöne und das Biest“) im Raimund Theater.
Vielen Dank an die Vereinigten Bühnen Wien für die Presseakkreditierung zu „Die Schöne und das Biest“ in Wien!
(Bildquelle (c) VBW / Deen van Meer)

Elisa Loy ist 36 Jahre alt und hat ihre Leidenschaft für Musicals mit 14 entdeckt – bei Starlight Express. Seither nutzt sie jede Gelegenheit, Produktionen in Wien, Deutschland und auf der ganzen Welt zu erleben. Besonders faszinieren sie die Gänsehautmomente, die Art, wie Musicals neue Perspektiven eröffnen und Geschichten lebendig machen. Dabei interessiert sie vor allem der Mensch hinter der Bühne – seine Geschichte zu hören und weiterzuerzählen.
Nach ihrem Journalismusstudium in Köln arbeitete sie in unterschiedlichen Bereichen der Medien- und Kommunikationswelt und verbindet heute ihre journalistische Erfahrung mit ihrer Begeisterung für die Bühne. Neben ihrer Tätigkeit für Musicalzone ist sie auch als Coach und Texterin aktiv. Abseits der Musicalwelt ist sie beim Tanzen, Singen, beim Reisen, mit ihrer Nichte oder Freunden, beim Lesen oder in der Natur anzutreffen.




