2003 wurde das Musical um die Hexen von Oz am New Yorker Broadway uraufgeführt und begeistert seit jeher das Publikum. Von 2007 bis 2010 war die Produktion auch in Deutschland zu sehen, jetzt kommt „Wicked“ in einer modernen Neuinszenierung erstmals nach Hamburg. Wir haben diese besucht und berichten euch:

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Das Musical:

Die Geschichte von Winnie Holzman spielt im Land von Oz, bevor Dorothy dort gelandet ist und die bekannte Handlung von L. Frank Baums Kinderbuch „Der Zauberer von Oz“ beginnt. Sie beleuchtet den außergewöhnlichen Werdegang der grundverschiedenen Freundinnen Elphaba & Glinda vom College an und wie diese nach einer prägenden Begegnung mit dem Zauberer als gute sowie böse Hexe des Landes bekannt wurden. Die Story ist unverändert, lediglich einige Übersetzungen wurden von Ruth Deny und Michael Kunze modernisiert.

Seinerzeit waren Stephen Schwartzs poppige Kompositionen eine Neuheit im Musical, im Rahmen der Neuinszenierung wurden diese von Sebastian de Domenico für eine Band-Besetzung neu arrangiert. Von Beginn an klingt es so deutlich rockiger als im Original, manches auch passend zum Regiekonzept synthetischer. Das Orchester unter der Leitung von Klaus Wilhelm sorgt für einen satten Sound, wenngleich die Einsparungen im Orchestergraben nicht gänzlich kaschiert werden.

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Die Besetzung:

Vajèn van den Bosch spielt als ‚Elphaba‘ eine Außenseiterin mit grüner Hautfarbe, die sich mit Intelligenz sowie magischem Talent beweisen muss. Van den Bosch gibt sich taff und kontert Gemeinheiten mit trockenem Humor. Sie intoniert den Part mit markanter Stimme und einem kraftvollen Belt, der in ihrem verzweifelten Solo „Gutes Tun“ besonders gut zur Geltung kommt.

Jeannine Wacker ist hingegen als ‚Glinda‘ stets am populärsten und kann mit ihrer überdrehten Art dem Rampenlicht kaum entgehen. Mit ihrem komödiantischen Timing sorgt sie für einige Lacher, dennoch kommt auch ihre sensible Seite glaubhaft rüber. Wacker kann mit ihrer hellen Kopfstimme Akzente setzen. Insgesamt harmonieren die beiden Hexen stimmlich gut und präsentieren trotz all ihrer Unterschiede eine authentische Freundschaft.

Naidjim Severina sorgt bereits bei seinem ersten Auftritt als ‚Fiyero‘ mit gekonnten Riffs für Aufsehen, bevor abseits des Gesangs sein Akzent aufhorchen lässt. Glindas Schwarm macht im Laufe des Stücks einen bemerkenswerten Wandel vom sorglosen Tunichtgut zum Gardehauptmann und lässt sich fortan von seinen inneren Werten leiten.

Andreas Lichtenberger ist als charmanter ’Zauberer von Oz‘ der perfekte Showmaster, der die Wahrheit mit Hilfe seiner bestimmenden Presse-Referentin ‚Madame Akaber‘ (Susanne-Elisabeth Walbaum) geschickt verpackt und so die Wahrnehmung des Volks in seinem Sinne manipuliert.

Pamina Lenns Rolle ‚Nessarose‘ wird von der hoffnungsvollen Mitschülerin zur verbitterten Gouverneurin, die aufgrund ihres Rollstuhls auf die Unterstützung ihrer Schwester Elphaba bzw. die des aufopferungsvollen Mitschülers ‚Moq‘ (Jan Rogler) angewiesen ist.

Weitere Rollen werden von Mitgliedern des Ensembles passend ausgefüllt, die sich in ihren Soli allesamt gut präsentieren. Alles in allem erweckt der diverse, aber reduzierte Cast die bunte Welt von Oz wunderbar zum Leben, tanzt die energetischen, modernen Choreografien von Fabian Aloise auf den Punkt und sorgt für eine volle Klanguntermalung.

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Die Show:

Während die Broadway-Produktion den märchenhaften Charakter der Erzählung beibehält, stützt sich die Inszenierung von Lindsay Posner auf die politischen Inhalte der Geschichte wie Rassismus, Speziesismus, Populismus und dem Umgang mit den Medien. Folglich ein gänzlich anderer Ansatz, der z. B. bei der Demonstration gegen die Hexe die heutige Zeit mit Abwandlungen aktueller Ausrufe sehr passend wiederspiegelt – stellenweise wirkt die Modernisierung aber auch erzwungen. Ein angedeuteter Wirbelsturm mit Platz für Projektionen (Tal Rosner) umrahmt das Geschehen, welches das perspektivische Bühnenbild von Jon Bausor geschickt erweitert. Das stimmungsvolle Lichtdesign von Lucy Carter hilft nochmals bei der Blickführung – stellenweise macht dieses aber die Illusionen von Chris Fisher noch durchschaubarer. Auch die Kostüme wurden von Moritz Junge aktualisiert, wobei manch futuristische Interpretation sicher Geschmackssache ist.

Die Neuinszenierung eröffnet eine moderne, politischere Perspektive auf das Material, die „Wicked“ im Kern schon immer vom Publikum gefordert hat und ist als solches – nicht zuletzt wegen der starken Besetzung – sehenswert.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen und Tickets für „Wicked“ in Hamburg erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 03. Oktober 2021 in der Neuen Flora Hamburg.

Vielen Dank an Stage Entertainment für die freundliche Bereitstellung der Karten!

(Bildquelle (c) Brinkhoff/Mögenburg)

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