Nach der Zusammenarbeit bei „Das Wunder von Bern“ beauftragte Stage Entertainment das Team mit der Entwicklung von „Goethe!“ auf Basis von Philipp Stölzls gleichnamigen Film. 2017 fand ein Tryout an der Essener Folkwang-Universität statt, bevor es nun mit einem Jahr Verspätung bei den Bad Hersfelder Festspielen uraufführt wurde.

Wir waren bei der Weltpremiere des neuen Musicals dabei und berichten euch:

Das Stück:

Das Stück (Buch: Gil Mehmert) erzählt die halbfiktive Geschichte von Johann Wolfgang von Goethe, der sich im Jura-Studium über die Konventionen hinweg setzt, um seine Leidenschaft für die Lyrik auszuleben von seiner teils schwierigen, aber stets leidenschaftlichen Liebesbeziehung mit Lotte Buff, die Episode, die er schließlich als Vorlage für „Die Leiden des jungen Werther“ nutzt. Halbfiktiv, da mit dieser Episode von Goethes Parallelen zu seinem berühmten Drama eingearbeitet wurden.

Martin Lingau hat für das Stück einen modernen, rockigen Score mit teils klassischen Anklängen geschrieben, der neben energiegeladenen Ensemblenummern auch Platz für gefühlvolle Balladen lässt und den Abend über geschickt Motive wiederverwendet – beispielsweise um die Ordnung im Gericht zu verdeutlichen. Die Musik intoniert das 21-köpfige Orchester unter der Leitung von Christoph Wohlleben mit einem kräftigen, vollen Klang, dem man gerne zuhört, wobei leider teilweise aufgrund der Abmischung die Textverständlichkeit (Lyrics: Frank Ramond) leidet.

Die Besetzung:

Philipp Büttner verkörpert ‚Johann Goethe‘ als Stürmer und Dränger, der seinen eigenen Weg gehen möchte wie er anfangs in „Wann kann ich endlich sein?“ eindrucksvoll klar macht. Doch bis zur gefeierten Veröffentlichung muss er mit einigen Hürden & Zweifeln kämpfen, die Büttner glaubhaft darstellt – genauso ehrlich ist auch seine Liebe zu Lotte.

Abla Alaoui hinterlässt als ‚Lotte‘ mit ihrem hellen Sopran beim ersten Auftritt auf dem Juristenfest einen bleibenden Eindruck, der nicht nur Goethe sondern auch seinem Vorgesetzten Kestner imponiert. Sie verliebt sich in den wortgewandten Goethe, fordert ihn immer wieder charmant heraus und beflügelt so seine Arbeit. Ihre wahren Gefühle kann sie bei „Irgendwann?“ mit ihrem starken Belt deutlich machen, was so zu einem stimmgewaltigen Highlight des Abends wird.

Christoph Messner ist als ‚Kestner‘ ein vernunftsorientierter, berechnender Jurist, der die Hochzeitsabsichten wie ein Geschäft angeht, wobei sein Interesse an Lotte für das Publikum eher plötzlich bekundet wird. Doch für den Antrag nutzt er Goethes Worte und wundert sich zwischenzeitlich über den Reiz der Konkurrenz – auch das geschieht aufgrund des Materials wieder etwas plötzlich.

Auch Johanns Freund ‚Wilhelm Jerusalem‘ ist leidenschaftlich verliebt, jedoch in eine verheiratete Frau (dargestellt von Karen Müller), weshalb er verzweifelt und versucht der Realität im Rausch zu entkommen. Diesen inneren Kampf trägt Thomas Hohler gekonnt nach außen.

Das Ensemble schlüpft in kürzester Zeit in verschiedenste Rollen und belebt so die jeweiligen Szenen stets passend. Den Abend über tanzen sie Kim Duddys moderne, energetische Choreos geprägt von kurzen, ruckartigen Bewegungen mit einem beeindruckendem Stamina und Präzision sowie einer ansteckenden Spielfreude, während sie gleichzeitig noch für eine kräftige Klangkulisse sorgen.

Die Show:

Trotz einer Laufzeit von zwei Stunden ohne Pause hat Regisseur Gil Mehmert eine kurzweilige Inszenierung auf die Bühne gebracht, die den Zuschauer mit auf eine mitreißende Reise mit vielen Details nimmt. Das ganze geschieht vor der Kulisse der Stiftsruine auf einer Bühne (Jens Kilian) geprägt von einem statischem Gerüst sowie einer Guckkastenbühne, die auch u.a. als Zimmer fungiert. Ansonsten verwandeln fantasievolle Elemente wie Fahrräder als Pferde, Ordner als Vögel oder auch ein Vorhang mit Goethes Versen die Bühne im Zusammenspiel mit dem stimmungsvollen Licht von Michael Grundner, welches v.a. im Dunkeln gut zur Geltung kommt. Die Kostüme von Claudio Pohle sind meist eher schlicht gehalten, während die Non-Konformisten mit bunten, aufwendigen Rokoko-Kostümen passend herausstechen.

Nach dem unterhaltsamen Marathon springt das Publikum beim Schlussapplaus direkt auf, um alle Beteiligten für die gezeigten Höchstleistungen und die Bereicherung des Genres zu beklatschen. Man kann „Goethe!“ also als vollen Erfolg bezeichnen, welchen man nicht verpassen sollte – sofern man noch Karten bekommen kann.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen und Tickets für „Goethe!“ bei den Bad Hersfelder Festspielen erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 03. Juli 2021 in der Bad Hersfelder Stiftsruine.
Vielen Dank an die Bad Hersfelder Festspiele für die freundliche Bereitstellung der Karten!

(Bildquelle (c) BHF Sennefeld)

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