Nach erfolgreichen Spielzeiten in Berlin geht „Romeo & Julia – Liebe ist Alles“ nun erstmals auf große Tour: ATG Touring GmbH bringt das junge Musical auf die Bühnen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Den Auftakt bildet das 37. Kölner Sommerfestival in der Kölner Philharmonie. Wir waren beim Tourstart dabei und haben uns die Inszenierung angesehen:
Das Musical „Romeo & Julia – Liebe ist Alles“
Das Musical greift William Shakespeares berühmte Tragödie auf und erzählt die Geschichte von Romeo und Julia als Musical mit modernem Sound. Romeo Montague und Julia Capulet verlieben sich trotz der jahrhundertealten Feindschaft ihrer Familien ineinander und halten ihre Liebe zunächst geheim. Als Julia jedoch Graf Paris heiraten soll, gerät ihre Beziehung zunehmend unter Druck. Was als große Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich unaufhaltsam zu einer Tragödie, deren Ausgang wohlbekannt ist.
Musikalisch setzen die Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer auf einen eingängigen Pop-Sound, der sich durch das gesamte Musical zieht. Dabei reicht die Bandbreite von ruhigen, gefühlvollen Balladen bis hin zu kraftvollen Ensemble-Nummern, die das Geschehen auf der Bühne dynamisch vorantreiben. Besonders in den emotionalen Momenten entfalten die Songs ihre Wirkung und geben den Figuren Raum, ihre Gefühle auszudrücken. Dabei trägt die Musik durchaus den charakteristischen Rosenstolz-Sound in sich und wirkt dadurch erstaunlich vertraut – auch wenn sie dem Publikum abseits des titelgebenden Hits „Liebe ist Alles“ zunächst unbekannt sein dürfte.
Als Herausforderung für das Publikum erweist sich jedoch die sprachliche Gestaltung: Der Sprechtext ist unmittelbar einer deutschen Übersetzung des Shakespeare Klassikers entnommen. Zwar trägt dies wirkungsvoll zur Atmosphäre bei und lässt einen unweigerlich an die eigene Schulzeit zurückdenken, doch gerade in schnell gesprochenen Szenen können die teils anspruchs- und bedeutungsvollen Formulierungen die Verständlichkeit stellenweise erschweren. Die Mischung aus Sprache und der modernen Inszenierung ist dabei durchaus reizvoll und verleiht dem Stück einen besonderen Charakter. Zugleich führt dies dazu, dass einerseits die Verständlichkeit und andererseits auch die Vermittlung von Emotionen aus dem Gesprochenen heraus etwas in den Hintergrund treten.
Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Justin Lehmann-Friese setzt die Partitur überzeugend um. Lediglich die Abmischung ließ an diesem Abend insbesondere in der ersten Hälfte des ersten Aktes deutlich zu wünschen übrig: Das Ensemble ging stellenweise nahezu unter, sodass sich im Publikum so manch fragender Blick fand. Glücklicherweise besserte sich die Tonbalance im zweiten Akt deutlich, sodass die musikalische Qualität der Produktion wesentlich besser zur Geltung kam.
Die Besetzung der Vorstellung
Das titelgebende Duo wird von Laura Schatz und Mats Visser verkörpert. Ihre Chemie stimmt von Beginn an – nicht nur im Spiel, sondern auch gesanglich. Beide verbinden jugendliche Wildheit und charmante Naivität mit einem harmonischen Zusammenspiel und überzeugender stimmlicher Harmonie.
Gleiches gilt für die größten Widersacher der Familien Capulet und Montague: Cedric Schröter als Mercutio und Christian Bock als Tybalt. Während Bock die Aggressivität und Härte Tybalts glaubhaft verkörpert und passend dazu das Lied „Es lebe der Tod“ anstimmt, verleiht Schröter seinem Mercutio eine eher verträumte, zugleich aber von Zweifeln zerfressene Seite und damit eine überzeugende Präsenz.
Für die meisten Lacher sorgt Beatrice Reece in der Rolle der Amme. Mit voller Stimme und pointiertem Spiel macht sie aus der vermeintlichen Nebenrolle eine echte Bereicherung und setzt dabei humorvolle Akzente – stets mit größter Ernsthaftigkeit.
Als Guru mit einer Affinität zu Klangschalen tritt Pater Lorenzo im Musical auf – verkörpert vom barfuß auftretenden Pascal Cremer. Seine vermittelnde, besonnene Art nimmt man ihm zweifelsohne ab. Besonders im Song „Es tut mir leid“ kann Cremer sein schauspielerisches und gesangliches Können voll ausspielen und der Figur eine besondere emotionale Tiefe verleihen.
Der mit weiß geschminktem Gesicht und expressiven schwarzen Akzenten an Gustaf Gründgens‘ Mephisto in Goethes Faust erinnernde Todesengel schwebt nahezu wortlos über die Szenerie. Als Countertenor verleiht Giuseppe Dulcetta dem Stück mit seiner außergewöhnlichen Stimme eine besondere musikalische Note – und erntet dafür zu Recht großen Applaus.
Das übrige Ensemble ist ebenfalls stark besetzt und überzeugt sowohl tänzerisch als auch gesanglich. Ihm ist hoch anzurechnen, dass die deutlichen Missstände in der Abmischung im ersten Akt die Qualität der Darbietungen kaum schmälern. Trotz der stellenweisen schwierigen akustischen Bedingungen zeigen die Darstellerinnen und Darsteller große Spielfreude, stimmliche Sicherheit und tänzerische Präzision.
Die Show auf Tour
Das Kostüm- und Bühnenbild von Andrew D. Edwards entführt das Publikum durchaus überzeugend nach Verona. Das Bühnenbild kommt mit vergleichsweise wenigen Requisiten aus und konzentriert sich auf eine zweistöckige, halbrunde Konstruktion mit leicht industrialisiertem Charakter. Der Tourcharakter ist dem Bühnenbild nur geringfügig anzumerken. Die klare Gestaltung lässt dabei viel Raum für das Spiel der Darstellerinnen und Darsteller. Auch die Kostüme fügen sich stimmig in die Zeit des Stückes ein, ohne dabei zu überladen zu wirken.
Das Lichtdesign von Tim Deiling unterstützt das Bühnengeschehen grundsätzlich stimmig und greift die jeweiligen Stimmungen wirkungsvoll auf. Besonders stimmungsvolle Bilder entstehen durch die Stehlampen mit ihren sichtbaren Glühbirnen. Allerdings zeigen sich hier im Laufe des Abends deutliche Schwächen: Die Suchscheinwerfer haben immer wieder Schwierigkeiten, die Darstellerinnen und Darsteller zuverlässig zu erfassen. Das fällt insbesondere in solchen Szenen auf, in denen einzelne Darstellerinnen und Darsteller allein auf der Bühne stehen und die Szene tragen müssen. Statt ruhig auf der jeweiligen Person zu liegen, springen die Lichtkegel teilweise sprunghaft zwischen verschiedenen Positionen hin und her. Umso größer ist der Respekt vor den Darstellerinnen und Darstellern, die auch unter diesen Bedingungen ihre Szenen souverän spielen.
Die Choreographien von Jonathan Huor sind anspruchsvoll, kraftvoll und modern. Vor allem in den Ensemble-Nummern verleihen sie den Szenen eine beeindruckende Dynamik, die die energiegeladene Familienfehde gelungen in die Bewegungsabläufe integriert.
Die Inszenierung von Christoph Drewitz schafft es, das bisweilen etwas gestelzt formulierte Buch – gesprochen wird durchgehend in einem an Shakespeare angelehnten Deutsch – überzeugend in die Moderne zu holen. Dadurch gewinnt das Stück eine bemerkenswerte Aktualität, insbesondere vor dem Hintergrund einer zunehmend unruhigen und von Konflikten geprägten Weltlage. Besonders eindrücklich ist das Finale: Den letzten Song des Stücks „Der Krieg ist aus“ singt das gesamte Ensemble in Alltagskleidung. Zuvor legen die Darstellerinnen und Darsteller ihre Kostüme am Totenbett von Romeo und Julia ab – wie ein symbolisches Mahnmal für die Figuren und zugleich für die Folgen des Konflikts.
„Romeo & Julia – Liebe ist Alles“ überzeugt mit eingängiger Musik, einer starken Besetzung und einer modernen Inszenierung. Trotz kleinerer Schwächen bei Ton, Licht und Verständlichkeit entfaltet das Musical emotionale Wirkung und setzt Shakespeares Tragödie mit zeitgemäßen Mitteln eindrucksvoll für die Bühne um.
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Besuchte Vorstellung: 13. August 2026 in der Kölner Philharmonie
Vielen Dank an die ATG Touring GmbH für die freundliche Einladung zur Vorstellung von „Romeo & Julia – Liebe ist Alles“ auf Tour.
Bildquelle (c) Imke Trapp

Tim ist 29 Jahre alt und seit Anfang 2025 Mitglied des Musicalzone.de-Teams. Seit seinem ersten Musicalbesuch im Alter von acht Jahren bei „Starlight-Express“ sind Musicals nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Nach seinem Bürojob besucht er in seiner Freizeit gerne das Theater und fachsimpelt im Anschluss mit anderen Fans. Daneben hat er eine Leidenschaft für Brettspiele und das Entdecken neuer Reiseziele – am besten solche, die sich mit einem Musicalbesuch verbinden lassen.




