„Wicked“ ist längst mehr als die Vorgeschichte zum „Zauberer von Oz“. Seit mehr als 20 Jahren gehört das Musical von Stephen Schwartz und Winnie Holzman zu den großen internationalen Musicalerfolgen. Spätestens die Hollywood-Verfilmungen haben Elphaba und Glinda auch weit über das Musicalpublikum hinaus bekannt gemacht.

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An der Bühne Baden zeigt Regisseur Andreas Gergen den Musicalklassiker in einer eigenen Inszenierung. Mit einer starken Besetzung, viel Bewegung und einem Bühnenbild, das aus vergleichsweise wenigen Elementen erstaunlich viele Orte entstehen lässt.

Wir haben die Show im Stadttheater Baden besucht und berichten euch:

Das Musical „Wicked“

Die Geschichte dürfte inzwischen vielen bekannt sein. „Wicked“ erzählt, was geschah, bevor Dorothy nach Oz kam und eine grüne Hexe als die Böse des Westens in die Geschichte einging.

Das Buch von Winnie Holzman basiert auf Gregory Maguires Roman und dreht dabei die bekannten Rollen um. Im Mittelpunkt stehen Elphaba und Glinda. Die eine ist grün, unangepasst und fällt auf, lange bevor sie überhaupt etwas getan hat. Die andere ist beliebt, hübsch und ziemlich überzeugt davon, dass die Welt sie genauso großartig findet wie sie sich selbst.

Aus anfänglicher Abneigung wird Freundschaft. Gleichzeitig läuft im Hintergrund zunehmend jene Geschichte an, die man aus „Der Zauberer von Oz“ kennt. Der Blechmann, die Vogelscheuche, die geflügelten Affen und schließlich auch Dorothy werden Teil von Elphabas Geschichte. Nur sehen die bekannten Ereignisse aus ihrer Perspektive plötzlich ganz anders aus.

Und genau darin liegt eine Ebene von „Wicked“, die heute besonders präsent wirkt. In Oz werden zunächst die sprechenden Tiere ausgegrenzt und ihrer Stimme beraubt. Dann braucht das Land eine neue Bedrohung. Elphabas Anderssein und ihr Widerstand machen sie zur perfekten Projektionsfläche.

Aus Anderssein wird Gefahr, aus Angst wird Zustimmung. Wer ein Feindbild schafft und es oft genug wiederholt, muss irgendwann kaum noch überzeugen. Die Menschen beginnen, die Geschichte selbst weiterzuerzählen.
Neu ist dieser Mechanismus nicht. Gerade deshalb wirkt er heute so aktuell. „Wicked“ erzählt von Ausgrenzung, Propaganda und davon, wie einfach sich Gut und Böse verteilen lassen, wenn eine Gesellschaft bereit ist, diese Einteilung zu übernehmen.

Stephen Schwartz hat „Wicked“ einige der bekanntesten Songs des modernen Musicaltheaters gegeben. „Heißgeliebt“, „Wie ich bin“, „Solang ich dich hab“ oder natürlich „Frei und schwerelos“ funktionieren längst auch außerhalb des Stücks. Im Zusammenhang der Geschichte bekommen sie noch einmal eine andere Kraft.

Unter der musikalischen Leitung von Sebastian de Domenico spielt das Orchester der Bühne Baden kraftvoll und präsent. Die großen Nummern bekommen die Wucht, die „Wicked“ braucht, ohne dass dabei die leiseren Momente untergehen. Die deutsche Fassung stammt bei den Gesangstexten von Michael Kunze, die Dialoge wurden von Ruth Deny übersetzt.

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Die Besetzung

Laura Panzeri steht als Elphaba an diesem Abend vor einer zusätzlichen Herausforderung. Noch vor Beginn der Vorstellung wird angekündigt, dass sie erkrankt und stimmlich etwas angeschlagen sei, die Vorstellung aber dennoch spielen werde.
Wer diese Ankündigung nicht gehört hat, dürfte davon kaum etwas bemerkt haben. Stimmlich trägt Panzeri die anspruchsvolle Partie sicher durch den Abend und auch darstellerisch funktioniert ihre Elphaba. Wütend, verletzlich, manchmal unbequem und trotzdem sofort nahbar. Spätestens bei „Frei und schwerelos“ ist von einer stimmlichen Beeinträchtigung nichts zu spüren. Panzeri trägt den großen Abschluss des ersten Aktes mit Kraft und Präsenz.

Vanessa Heinz ist als Glinda der perfekte Gegenpol. Ihre Glinda ist anfangs vor allem mit sich selbst beschäftigt. Heinz hat sichtbar Spaß an ihrer komischen Seite. Überdreht, eitel und manchmal herrlich oberflächlich, ohne dass die Figur dabei lächerlich wird. Hinter all dem Rosa und der perfekten Außenwirkung entwickelt sich langsam eine Frau, die verstehen muss, dass beliebt zu sein und das Richtige zu tun nicht immer dasselbe sind.

Vor allem gemeinsam funktionieren Panzeri und Heinz hervorragend. Aus Konkurrenz wird Nähe, aus unfreiwilliger Zimmergemeinschaft eine Freundschaft, die schließlich zum emotionalen Zentrum des Stücks wird.

Timotheus Hollweg gibt Fiyero den nötigen Charme und die zunächst unbekümmerte Selbstsicherheit. Auch seine Entwicklung vom sorglosen Schönling zu jemandem, der bereit ist, Konsequenzen zu tragen, funktioniert. Nur in einem entscheidenden Moment fehlt etwas. Ausgerechnet bei „Solang ich dich hab“ will die große emotionale Nähe zwischen Elphaba und Fiyero nicht vollständig überspringen. Beide singen und spielen überzeugend. Das Gefühl, dass hier zwei Menschen gerade alles füreinander riskieren würden, bleibt an diesem Abend dennoch etwas zurück.

Maya Hakvoort findet als Madame Akaber eine Rolle, die hervorragend zu ihrer Bühnenpräsenz passt. Mit ihrer dominanten Stimme und natürlichen Autorität braucht sie wenig, um einen Raum einzunehmen. Ihre Madame Akaber wirkt mächtig, kontrolliert und zunehmend bedrohlich.

Andreas Lichtenberger gibt dem Zauberer von Oz viel Charme und ein angenehm leichtes Spiel. Gerade das macht die Figur interessant. Er muss nicht bedrohlich auftreten, um Macht auszuüben. Ein freundliches Auftreten und die richtige Geschichte reichen oft schon aus, um andere für die eigenen Ziele einzuspannen.

Beppo Binder macht aus Dr. Dillamond weit mehr als eine Figur, an der die politische Entwicklung in Oz erklärt wird. Sein Ziegenbock wirkt erstaunlich echt. Haltung, Bewegungen und selbst das Meckern sitzen. Besonders eindrücklich wird es, als Dillamond zunehmend seine Sprache verliert und immer mehr zum gewöhnlichen Tier gemacht wird. Was zunächst beinahe komisch wirken könnte, bekommt dadurch etwas Beklemmendes.

Anna Rosa Döller spielt Nessarose überzeugend zwischen Verletzlichkeit, Enttäuschung und zunehmendem Kontrollbedürfnis. Ihre Rolle steht weniger im Mittelpunkt als Elphaba oder Glinda, fügt sich aber stimmig in das Gesamtbild ein.

Jens Emmert entwickelt Moq vom etwas unbeholfenen Verehrer zu einer zunehmend tragischen Figur. Gerade im zweiten Akt zeigt sich, wie eng auch seine Geschichte mit den Ereignissen verbunden ist, die man aus Oz längst zu kennen glaubt.

Das Ensemble der Bühne Baden ist ständig in Bewegung. Die Choreografien von Francesc Abós nutzen dabei nicht nur die eigentliche Bühne. Darsteller kommen durch Türen, bewegen sich durch den Zuschauerraum und tauchen von verschiedenen Seiten wieder auf. Dadurch entsteht viel Dynamik.

Die Verwandlung eines Ensemblemitglieds in einen geflügelten Affen ist gelungen und fügt sich stimmig in die Inszenierung ein.

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Die Show in Baden

Das Bühnenbild von Momme Hinrichs bekommt durch eine Ziegelwand zunächst einen festen Rahmen. Davor verändern fünf bewegliche Flächen, Projektionen, Treppen, Stege und wenige Requisiten immer wieder den Raum. Mal wird daraus die Universität von Glizz, mal die Smaragdstadt, mal der Palast des Zauberers.

Gerade darin liegt eine Stärke der Inszenierung. Mit vergleichsweise wenigen Bühnenelementen entstehen immer wieder neue Bilder. Stühle werden neu angeordnet, Wände verschoben und Projektionen gezielt eingesetzt. Dadurch bleibt die Bühne ständig in Bewegung.

Besonders „Frei und schwerelos“ zeigt, wie gut dieses Prinzip funktioniert. Für Elphabas großen Moment braucht es keine riesige Bühne. Licht, Projektionen und Bühnentechnik reichen aus, um ihren Flug überzeugend wirken zu lassen.
Das Lichtdesign von Stephanie Affleck unterstützt die schnellen Wechsel, während die Kostüme von Claudio Pohle die Welt von Oz zwischen Fantasie und Überzeichnung verorten. Die Produktion zeigt damit, wie viel sich auch auf einer vergleichsweise kleinen Bühne erzählen lässt.

Doch die eigentliche Stärke des Abends liegt in der Geschichte, die darauf erzählt wird. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Broadway-Premiere funktioniert „Wicked“ nicht nur wegen seiner großen Songs und Showmomente. Die Frage, wer eigentlich bestimmt, wem wir glauben und wer am Ende als gut oder böse gilt, wirkt heute vielleicht aktueller denn je.

„Wicked“ überzeugt in Baden mit einer starken Besetzung, einem kraftvollen Orchester und einer Inszenierung, die ihre Bühne geschickt nutzt. Vor allem aber erinnert die Geschichte daran, dass Gut und Böse manchmal weniger damit zu tun haben, wer jemand ist, als damit, welche Geschichte über ihn erzählt wird.

Weitere Informationen und Tickets für „Wicked“, das Musical in Baden erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 3. Oktober 2026 im Stadttheater Baden.

(Bildquelle (c) Lalo Jodlbauer | YAY Creative)

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