„Ich möcht‘…“ – diesen Satz haben viele Musical-Fans in den letzten Monat bestimmt mit den Worten „…mal wieder ins Theater“ vervollständigt, wobei er nun in der ersten Musical-Premiere zurück an der Volksoper Wien in anderem Zusammenhang zentraler Bestandteil ist.

Wir haben dort „Into the Woods“ besucht und berichten euch von der märchenhaften Vorstellung:

Das Material:

Das Buch von James Lapine verbindet bekannte Märchen wie „Aschenputtel“, „Rapunzel“, „Hans und die Bohnenranke“ und „Rotkäppchen“ unter der Prämisse, dass das verfluchte Bäckerspaar vier bekannte Gegenstände im gemeinsamen Wald zusammentragen muss, damit die Hexe den Fluch aufhebt und ihr Kinderwunsch erfüllt wird. Intendant Robert Meyer führt als erhabener Erzähler durch die verschlungene Geschichte. Der zweite Teil hinterfragt hingegen das märchenhafte Glück und konfrontiert die Charaktere mit den Konsequenzen ihres Handels sowie mit Fragen über Gesellschaft und Moral.

Stephen Sondheim hat für das Stück zentrale Motive komponiert (und auch die cleveren Liedtexte geschrieben), die den ganzen Abend über wie ein roter Faden erklingen und von verschiedensten Figuren stellenweise wieder aufgegriffen werden. Die rhythmische Partitur interpretiert das Orchester unter der Leitung von Wolfram-Maria Märtig angenehm melodisch, aber auch stellenweise hörbar moderner.

Die Besetzung:

Bettina Mönch zieht das Publikum vom ersten Auftritt als schrullige, rappende Hexe bis zu ihrer stimmgewaltigen Interpretation von „Mitternachtsstunde“ mit ihrer dominanten Ausstrahlung stets in den Bann.

Peter Lesiak und Julia Koci bilden das ungleiche Bäckerspaar, welches sich – unfreiwillig – gemeinsam auf die Suche nach den nötigen Gegenständen macht und sich hierbei mit allen Stärken & Schwächen ergänzt. Diese Dynamik bringen beiden beide authentisch auf die Bühne, sodass man über das lebensnahe Paar leicht einen Zugang in die fantastische Märchenwelt findet.

Oliver Liebl verkörpert den träumerischen Hans, während Juliette Khalil ihn als abenteuerliches Rotkäppchen herausfordert. Beide füllen die Rollen gut aus, sind aber sichtlich zu alt um als Kinder wahrgenommen zu werden.

Nachdem Drew Sarich schon als exhibitionistischer Wolf gänzlich ohne Mimik Szenenapplaus bekommt, schlüpft er in die Rolle von Aschenputtels Prinz und präsentiert sich – gekonnt überspitzt und umso unterhaltsamer – als charmanter Verführer, der die meisten Frauen für sich gewinnt und mit seinem Bruder (Martin Enenkel) über die größere Liebesqual wetteifert.

Lediglich die bescheidene Aschenputtel (Laura Friedrich Tejero) rennt zunächst vor dem scheinbaren Glück im Palast weg und verliert auch als sympathische Prinzessin den Bezug zum Volk nicht. So ist sie im zweiten Teil wieder im Wald unterwegs und sorgt mit dem Einstieg zu „Niemand ist allein“ für einen emotionalen Höhepunkt des Stücks.

Die Show:

Während der erste Akt unterhaltsam vor sich hin plätschert, spitzt sich die Situation – in Anbetracht einer unerwarteten Besucherin, die nur durch ihre Stimme bedrohlich wirkt und in der Fantasie des Publikums Gestalt annimmt – nach der Pause dramatisch zu. In der Inszenierung von Oliver Tambosi und Simon Eichenberger (auch für die modernen Choreografien verantwortlich) ist das aber kein Bruch, sondern die die Charaktere entwickeln sich in dieser Krise realitätsnah und interessant weiter.

Die Geschichte wird bewusst in Märchenform erzählt und so ergänzen überdimensionierte Märchenbücher mit passenden Illustrationen (nebst Projektionen von Roman Hansi) den Wald aus schlichten Baumstämmen (Bühnenbild: Frank Philipp Schlößmann). In dieser tristen Umgebung stechen die farbenfrohen Kostüme von Lena Weikhard hervor, die man als erfrischende Neuinterpretationen wiedererkennt.

„Into the Woods“ ist eine intelligente Kombination der bekannten Märchen und löst – aufgrund der einzigartigen Struktur – wohl beim Publikum eine individuelle Präferenz für den Teil vor oder nach der Pause aus. An der Volksoper kommt das Stück im modernen Gewand daher und besticht mit einer hochkarätigen Besetzung, die die Geschichten wunderbar harmonisch zum Leben erweckt.

Mehr Informationen:

Weitere Informationen und Tickets für „Into the Woods“ an der Volksoper Wien erhaltet ihr hier.

Besuchte Vorstellung: 04. Juni 2021 in der Volksoper Wien.
Vielen Dank an die Volksoper Wien für die freundliche Bereitstellung der Karten!

(Bildquelle (c) Barbara Pálffy)

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