Besuchte Vorstellung: 2. Mai 2015 im „Stadttheater“ in Fürth 

Eine Frau mit bipolarer Störung, ihr Mann, der sich nur für sie aufopfert, die Tochter, die von beiden vernachlässigt wird und glaubt, nur mit Perfektionismus Anerkennung zu bekommen und ein „Old-School“-Kiffer, der am liebsten Jazz improvisiert und sich in die Klassik-geprägte Tochter verliebt – klingt das nach dem perfekten Stoff für ein Musical? Nein? Stimmt genau. Die Story, die hinter N2N steckt, ist schwer zu verdauen und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

Aber trotzdem hat dieses Musical, das jetzt wieder im Stadttheater Fürth zu sehen  war, einen ähnlich großen Zulauf wie andere, namenhafte(re) Produktionen – was natürlich unter anderem auch an den Darstellern lag.

In N2N verfolgen wir die Geschichte von Diana Goodman, 38, die sich während des Studiums Hals über Kopf in Dan verliebt hat und von ihm schwanger geworden ist. Der Sohn ist allerdings mit acht Monaten gestorben – was Diana nicht überwunden hat. Seitdem hat sie eine bipolare Störung, ist manisch-depressiv und hat Wahnvorstellungen von ihrem Sohn. Für sie ist Gabe immer noch ein Teil der Familie, ist ganz normal aufgewachsen und fast erwachsen. Dan bringt eine schier unmenschliche Kraft auf, um sowohl seinen Beruf auszuüben als auch sich um seine Frau zu kümmern, deren Stimmungen zwischen himmelhochjauchzend und suizidgefährdet schwanken. Dabei vernachlässigen beide Elternteile die 16-jährige Tochter Natalie, die dadurch einen extrem ungesunden Perfektionismus entwickelt. Sie macht das Abi vorzeitig, spielt Klavier bis zum Exzess und will damit eigentlich nur die Aufmerksamkeit ihrer Eltern gewinnen – vergeblich. Allerdings wird einer ihrer Schulkameraden auf sie aufmerksam – der 17-jährige Henry, ein Junge, der das Leben sehr locker nimmt, seine Tage am liebsten mit Haschisch und Jazz verbringt und sich in Natalie verliebt. Als Diana eines Tages die Medikamente, die sie seit 16 Jahren nimmt, eigenmächtig absetzt, nimmt das Chaos seinen Lauf.

Für die Musik zeichnet sich Tom Kitt verantwortlich, der es schafft, alle möglichen Stile – von langsam und sanft bis hin zu wilder Rockmusik –  zu einer gefühls- und ausdrucksstarken, wunderbar ausbalancierten Mischung zusammenzufügen. Die Musik ist essentiell für die Geschichte und trägt sie wunderbar.

Das Original-Buch und die Gesangstexte stammen von Brian Yorkey, ins Deutsche übertragen wurde alles von Titus Hoffmann, der auch für die Inszenierung am Stadttheater Fürth verantwortlich war. Die Übersetzungen sind wunderbar gelungen, sämtlicher Sinn der Lieder und Dialoge ist erhalten geblieben und es fällt kein Stückchen auf, dass das Original aus Amerika stammt.

Diana Goodman ist grandios besetzt mit der Musical-Grande-Dame Pia Douwes, die es schafft, die psychisch gestörte Mutter so glaubwürdig und ergreifend zu spielen, dass manche im Publikum den Tränen nahe waren. Pias Stimme passt perfekt zu dieser Rolle und man merkt, dass sie diesen Part wirklich liebt – schließlich hat sie ja, seit bekannt war, dass N2N nach Deutschland kommt, gesagt, dass sie Diana spielen möchte.

Thomas Borchert beeindruckt als Dan Goodman, der Mann, der die Familie aufrechterhält. Er macht die Gefühle und den inneren Aufruhr, den Dan spürt, für das Publikum greifbar und bringt es stimmlich voll auf seine Kosten, besonders im Duett mit Pia Douwes.

Als Gabriel Goodman steht der Schotte Dirk Johnston auf der Bühne, dem man kein Stück anhört, dass er nicht in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Die Meisterleistung, einen Charakter zu spielen, der nur von einer einzigen Person wahrgenommen wird, meistert er problemlos und turnt zudem wie ein Affe in der Kulisse herum, dass einem schwindlig werden kann.

Die ehemalige „Päpstin“ Sabrina Weckerlin spielt die 16-jährige Natalie Goodman mit einer unterschwelligen Verzweiflung, dass man ihren Charakter nur lieben kann. Man nimmt ihr sowohl die unschuldige Perfektionistin als auch die vollkommen in den Drogenrausch abgerutschte Teenagerin ab und wieder einmal zeigt sich die unglaubliche Stimmgewalt von Sabrina, die man besonders bei „Warum“ im Duett mit Pia Douwes und bei „Superboy und seine Schwester aus Glas“ mit Dirk Johnston hört.

Dominik Hees, dessen Namen man eigentlich eher im Zusammenhang mit dem Musical „Das Wunder von Bern“ kennt, brilliert als Henry. Er verkörpert den sorglosen Jungen, der sich später so um Natalie kümmert wie Dan um Diana, wunderbar berührend, und sorgt mit seiner Stimme für einen sanften Unterton im gesamten Musical.

In der Doppelrolle Dr. Fine/Dr. Madden, beide Dianas Psychiater, ist Armin Kahl zu sehen, der sowohl mit einem wundervoll witzigen Salzburger Akzent als auch als Rockstar-Arzt das Publikum zum Lachen und Staunen bringt.

Auch wenn das Bühnenbild sehr minimalistisch ist und fast nur aus einem Gerüst besteht, dass das Haus der Goodmans darstellt, wird hier sehr effektiv mit Beamer und verschiedenen Mustern, die auf die hintere Wand projiziert werden gearbeitet. Das kleine Orchester, unter der Leitung von Henning Vater, ist auf der Bühne hinter den Kulissen platziert und auch wenn man es nur selten sehen kann, ist es immer präsent und begleitet den Zuschauer brillant durch das Stück.

Alles in allem handelt es sich bei next to normal – fast normal um ein Stück, was sich zwar um eine sehr anspruchsvolle Geschichte dreht, aber trotzdem mit wohlplatziertem Humor die angespannte Atmosphäre auflockert.

Ein Besuch ist es allemal wert, die letzte Chance ist am 31. Mai, danach wird das Stück in Fürth abgesetzt. Ob und wann es wieder kommt, ist ungewiss.

(Bildquelle (c) Thomas Langer/Stadttheater Fürth)

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