Drew Sarich spielt derzeit im Wiener Ronacher Ché in „Evita“.
Wir durften kürzlich mit ihm ein interessantes Interview über seine Rolle und sein neues Solo-Album führen, wobei er uns viele Hintergrundinformationen zur Rolle mitteilte, über seine Familie in der Branche sprach und uns von seiner Solo-CD erzählte.

Das ganze Interview könnt ihr nun hier lesen oder anschauen (das Video findet ihr unter der geschriebenen Version):

Musicalzone.de:  Drew, könntest du dich bitte unseren Lesern vorstellen?

Drew Sarich: Hi – ich bin Drew!

MZ: In Wien bist du derzeit als „Ché“ in „Evita“ zu sehen. Kannst du uns etwas über die Rolle erzählen?

DS: Ché ist… Während der Proben haben wir ganz intensiv diskutiert, wer er ist. Im Laufe der Show wird er nie namentlich erwähnt. Wenn man Ché Guevara als Vorlage nimmt: Er hieß eigentlich Ernesto und hat sich später umbenannt, um zu zeigen, dass er einer des Volkes ist. Übersetzt bedeutet Ché so viel wie „Hey Du“ – das ist, als würde ich mich selbst mit „Alter“ bezeichnen. Er ist der Erzähler des Stückes und – hoffentlich – das Gewissen des Publikums. Wenn man ihn mit Ché Guevara vergleicht, was ich immer wieder mache, dann ist er ein Pre-Revoluzer – er steht gerade an der Kippe. Als er 18 war, da waren die Peróns bereits an der Macht und er hat das aus erster Hand miterlebt. Ché kam aus wohlhabenden Verhältnissen und sollte eigentlich Medizin studieren, aber als er mit dem Motorrad durch Südamerika fuhr hat er gesehen, wie es den Menschen dort geht. In Kombination mit seinen Erfahrungen durch die Peróns, hat ihn das motiviert nach Kuba zu gehen und den Kommunismus zu unterstützen. Am Anfang sieht man ihn wirklich noch unentschlossen, er ist desillusioniert und wütend. Am Ende des Stückes sagt er wirklich „Wenn ihr Stern erlischt und ihr erwacht, dann komm ich – einer, der euch nicht belügt!“. Sein Bogen ist „Jetzt bin ich bereit meinen Weg zu gehen!“.

MZ: Du konntest die Rolle bereits 2010 in Magdeburg spielen. Hat sich durch den neuen Regisseur, Vincent Peterson, etwas an deiner Darstellung der Rolle geändert?

DS: Während der Probenzeit teste ich verschiedene Sachen einfach aus und wenn sie sie scheiße sind, dann ist das halt so und wenn sie funktionieren, dann behalte ich sie. Zum Glück hatte ich die Magdeburger Produktion bereits als Vorkenntnis, wo ich bereits probieren konnte und wusste, wie meine Figur aussieht. Vincent warnte mich immer wieder vor dem Charme. Ché ist eine Rolle, die ziemlich schnell mit einer Show wegrennen kann, weil er mit dem Publikum kommuniziert. Er ist derjenige, der Fragen stellt und teilweise richtig lustig ist. In der heutigen Zeit würde ich ihn als Blogger oder Satiriker bezeichnen. In Amerika gibt es zwei Komiker im Fernsehen, Stephen Colbert und John Stewart, die sehr politisch und linkslehnend sind. Durch ihren Charme und Humor ist man sofort bei ihnen – das habe ich als Vorbild genommen. Vincent sagte auch oft „Such dir dein Ausrufezeichen“ – es gibt Momente, wo der Spaß aufhört. Es gibt Stellen, da steht er da und sagt „Es tut mir leid – es geht nicht mehr!“ und das war eine wichtige Lektion.

MZ: Wie eben schon erwähnt, hast du auch Kontakt mit dem Publikum – wie sind die Reaktionen auf darauf? Was bekommst du für Rückmeldungen darauf?

DS: Bisher war meine Beziehung zum Publikum ziemlich positiv. Ich springe Menschen auf den Schoß, überreiche einigen eine Waffe und fordere sie auf auf Menschen zu schießen und bin oft direkt vorm Gesicht. – bisher hat mich noch niemand geschlagen. Vor drei Wochen war der deutsche Außenminister im Publikum und als ich das gehört habe war meine erste Frage, ob er am Gang sitzt. Nachdem das so war, bin ich mitten in der Show auf seinen Schoß gesprungen. Als ich das gemacht habe fiel mir ein, dass er vermutlich Bodyguards dabei hat, die gerade nicht sehr froh sind… Ich liebe an Live-Theater einfach, dass man nie weiß, was passieren wird und du im nächsten Moment eingebunden werden kannst.

MZ: Hast du eine Lieblingsszene oder ein Lieblingslied im Stück?

DS: Einige… Ché ist einfach immer präsent und hat immer eine Meinung. Er hat seine Snoopy-Momente – ich bin ein riesen Snoopy-Fan! Manchmal taucht dieser Hund so in eine lustige Situation ein, tanzt auf Kosten von anderen und kann so bissig sein, obwohl er immer grinst. So ein Moment ist „Adios und Danke“, wo ich die ganzen Liebhaber wegkehre. „Regenbogen-Tour“ auch, wo ich wie ein tollpatschiges Tier tanze, aber ich liebe auch das Ende, wo er sein Manifest klar vorgibt.

MZ: Wirst du auch noch nach der Sommerpause, in der Verlängerung bis Dezember, die Rolle spielen?

DS: Ich glaube schon…

MZ: Findest du das Stück von der Thematik her auch heute noch interessant?

DS: Ich finde es vor allem heute interessant! Ich als Amerikaner bin am Bildschirm festgeklebt, um mit zubekommen, was dort gerade mit der Präsidentschaftswahl passiert. Wir leben in einer Zeit, wo jeder Populist ist. Jeder geht vor die Kamera und sagt: „Ich bin einer von euch und deshalb sollt ihr für mich stimmen!“. Es wirkt wie ein Wettbewerb – wer ist authentischer? Wer kriegt die Massen am besten auf seine Seite? Das ist genau das, was wir in der Show tun! Katharine und ich kämpfen ständig um die Aufmerksamkeit des Publikums – wie zwei Politiker oder Anwälte. Und gerade jetzt, wo Politiker behaupten, dass sie den Ärmsten helfen wollen… Dabei profitieren sie selbst. Ich finde es immer wieder wichtig das zu zeigen und darüber einen Dialog zu führen.

MZ: Eine der beiden Kinderrollen übernimmt zeitweise deine Tochter Amelie – wie ist es mit ihr auf der Bühne zu stehen?

DS: Sie als Kollegin zu sehen ist ein bisschen Mind-blowing… Meine Kinder sind quasi im Raimund-Theater zur Welt gekommen. Sie waren, als ich „Barbarella“ gespielt habe,  ab der zweiten Lebenswoche jeden Tag im Theater – Cast-Mitglieder haben sie rumgetragen. Bei „Rudolf standen Sie immer auf der Seitenbühne, wie ich mich erschossen habe, und sie waren riesen „Tanz der Vampire“-Fans. Jetzt Amelie in der Cast zu haben und sie als Kollegin zu erleben… Erstens zeigt es einem, wie alt man ist, und außerdem ist es schön zu sehen, wenn dein Kind in seinem Element ist. Sie spielt instinktiv und das ist äußerst selten. Das macht mich ziemlich stolz!

MZ: Im August wirst du zusammen mit deiner Frau, Ann Mandrella, „Jekyll & Hyde“ spielen. Wie bereitest du sich darauf vor?

DS: JA – ich darf meine Frau umbringen! *lacht* Das ist tatsächlich das erste Mal, dass wir zusammen besetzt werden – darauf haben wir jahrelang gewartet. Ich weiß gar nicht, wie ich mich darauf vorbereiten soll… Ich denke, dass wir viel lachen, aber auch mal streiten werden, weil wir beide als Darsteller im fest davon überzeugt sind im Recht zu sein. Das wird interessant! Ich schätzte Ann als Darstellerin mehr als alle anderen Schauspielerinnen, die ich kenne, und ich freue mich riesig, dass ich endlich mal die Bühne mit ihr teilen kann.

MZ: Wann kamst du zum ersten Mal in Kontakt mit Musicals und wann stand fest, dass du Musicaldarsteller werden wolltest?

DS: Als ich elf oder zwölf war haben mich meine Eltern zu „Les Misérables“ mitgenommen, weil die Tour-Produktion gerade in St. Louis, meiner Heimatstadt, spielte. Eigentlich wollte ich das gar nicht sehen und da haben sie nur drei Karten gekauft. Nachdem meine Schwester dann aber krank wurde, hat meine Mutter mich gezwungen mitzukommen und vor der Show saß ich im Publikum und dachte „Oh Gott – das wird total doof“ – am Ende hab ich geheult! Danach sagte ich: „Das ist so schön – das muss ich machen!“. Für mich ist es ein Wunder, dass wir 1400 Wildfremden eine Geschichte erzählen können und am Ende hoffentlich alle bewegt – für mich ist das ein Beweis, dass wir noch nicht alles verloren haben. Das fand ich an Stücken wie „Les Mis“ und „Jesus Christ Superstar“ so spannend – am Ende heulen alle!

MZ: Und wie lief deine Ausbildung ab?

DS: Also mit zwölf wusste ich, dass ich das machen möchte, aber hatte noch keine Ahnung, wie das geht. Mit 13 habe ich begonnen Gesangsunterricht zu nehmen und habe außerdem in vielen Schul-Musicals mitgespielt, aber wie das beruflich funktioniert wusste ich immer noch nicht… Das ich damit Geld verdienen kann war mir überhaupt nicht bewusst. Später habe ich fürs Boston Conservatory vorgesungen und –gesprochen und habe nach der Aufnahme dort vier Jahre verbracht. Dort hatte ich Unterricht in Musik, Tanz und Schauspiel – das war sehr wichtig. Eine große Lektion war sich zu vergessen, während man auf der Bühne steht, damit man nicht an sein Aussehen denkt. Ich habe auch sehr viel Improvisation und was es bedeutet musikalisch Teil einer Gruppe zu sein, um zu erkennen, dass wir nicht alle Solisten sind. Ich musste auch tanzen – das habe ich gehasst und verachtet! Ich musste drei Jahre lang Ballett nehmen und habe es gehasst… Steppen habe ich eigentlich gemocht, weil es da eigentlich nur auf den Rhythmus ankommt und nicht aufs Aussehen. Regie war mein Extra-Schwerpunkt, was mir ganz neue Perspektiven auf meine Rollen eröffnet hat und mich als Schauspieler verbessert hat. Wie wichtig es ist sich zu reduzieren in dem Beruf, das bekomme ich heute noch mit.

MZ: Du hast inzwischen schon einige Rollen gespielt. Gibt es noch Rollen, die du unbedingt verkörpern willst?

DS: Immer wieder! Ich glaube, dass ich dafür noch etwas warten muss, aber „Sweeny Todd“, wenn ich das stimmlich hinkriege. Die Rolle ist ziemlich tief und ich bin ein recht hoher Tenor… Aber die Rolle ist so schön! Außerdem Billy Bigelow in „Carousel“, Pink in „Pink Floyd and the wall“, Guido Contini in „Nine“ und einige Schauspielrollen. „Hedwig and the angry inch“ habe ich zwar schon mal gespielt, aber das würde ich unglaublich gerne nochmal machen.

MZ: Heute Vormittag hast du eine weitere Solo-CD fertiggestellt, die im Mai erscheint. Kannst du uns schon etwas über dieses Projekt verraten?
(Anm. d. Red.: Zum Zeitpunkt des Interviews war die CD noch nicht erhältlich)

DS: Ja, gerne! Also mein neues Album heißt „Let Him Go“ und erscheint am 6. Mai – das große Release-Konzert ist am 8. Mai im MuTh in Wien. Man kann es beim Konzert auch kaufen, aber ab dem 6. ist es erhältlich. Ich habe mich in letzer Zeit in Country-Musik verliebt – ich mag die Geschichten, die diese Lieder erzählen. Die Idee zur CD kam, als ich 40 wurde und mich mit dieser Umstellung ziemlich schwer getan habe… Ich habe mich immer wieder gefragt, wer ich eigentlich bin und was es bedeutet 40 zu sein. Muss ich mich von etwas verabschieden? Die Musik ist etwas erwachsener und weniger sensibel. Die CD ist etwas selbstorientiert: Es geht darum, wie es mir geht und wo ich hin will! Außerdem habe ich gerade meinen Führerschein gemacht – letztes Jahr habe ich mir immer wieder gedacht, dass ich das jetzt mal machen muss. Die Platte ist quasi ein Soundtrack zu einem Road-Movie, ein Liebesbrief an den Highway und über Fehler, die man auf seinen Reisen macht und wenn man sich selbst sucht. Wenn man die Freiheit sucht und Konsequenzen entkommen will – wann stellt man fest, dass sie immer noch da sind? Die CD ist tiefer und mit weniger Hauptgesang von mir. Es sind viele Chöre zu hören und eine unglaublich gute Band. Es ist ein spannendes Experiment.. Ich habe ein Risiko unternommen und schau, ob es ankommt.

MZ: Kannst du dir auch eine Karriere nur als Sänger vorstellen oder wäre das für dich keine Alternative?

DS: Das Story-telling auf der Bühne würde mir glaub ich schon fehlen – andererseits habe ich bisher nie Sachen getrennt. Das gehört für mich alles zusammen und gut geschriebene Lieder sind Geschichten. Wenn ich die auf einer Bühne erzähle ist das super, aber nur mit Band ist das auch wahnsinnig schön.

MZ: Vielen Dank für deine Zeit und alles Gute!

Das ausführliche Video-Interview, inklusive einiger Szenen aus „Evita“, könnt ihr hier anschauen:

Wer Drew Sarich und „Evita“ live sehen möchte kann hier Tickets für das Musical in Wien bestellen und die Solo-CD „Let him go“ könnt ihr hier ordern.

Vielen Dank an die Vereinigten Bühnen Wien für die Interview-Möglichkeit sowie die Bereitstellung des Videomaterials und Drew Sarich für die Beantwortung der Fragen!

(Bildquelle (c) Deen van Meer)

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