Besuchte Vorstellung: 3. August 2019 (Premiere) im Stadttheater, Baden (bei Wien)

Die Spielzeit 2018/19 an der Bühne Baden stand unter dem Motto „Freiheit und Gefangenschaft“. Mit „Kuss der Spinnenfrau“ rundet nun ein passendes Musical die Saison ab.

Wir haben die Premiere besucht:

Das Stück spielt in einem Gefängnis in Südamerika. Dort sitzt der homosexuelle Schaufensterdekorateur Molina seit drei Jahren ein und entflieht der tristen Zelle mit Erinnerungen an die Filme mit „seiner Aurora“ als Hauptdarstellerin. Als jedoch der politische Gefangene Valentin zu ihm gesperrt wird, findet er sich in der Realität als Teil eines politischen Spiels wieder, was ihn in Zwiespalt bringt. Schließlich trohnt über den Geschehnissen und den beiden Zellengenossen stets Aurora in ihrer Rolle als todbringende Spinnenfrau…

Dieser Kontrast wird auch im gelungenen Score von John Kander deutlich: hier wechseln sich klassische, oftmals melancholische Töne mit lateinamerikanischen Rhythmen ab. Beide Richtungen intoniert das Orchester, unter der Leitung von Christoph Huber, gekonnt.

Drew Sarich verkörpert ‚Molina‘ facettenreich. Er zeigt mit seinen scharfzüngigen Einwürfen sowie einigen klischeehaften Gesten hervorragendes komödiantisches Timing und geht in seinen Träumereien ganz auf. Genauso überzeugend stellt er auch die Zweifel & Ängste der Rolle dar und nimmt den Zuschauer den ganzen Abend auf eine glaubhafte Reise mit. Sein ästhetischer Gesang rundet das Erscheinungsbild ab.

Martin Berger gibt sich als ‚Valentin‘ zunächst reserviert, bringt aber seinen Charakter und politische Überzeugung nach und nach zum Vorschein. Seine Filmerzählung von der verheißungsvollen Revolution gestaltet er besonders eindrucksvoll.

Die wandelbare Ann Mandrella füllt als ‚Aurora‘ unterschiedlichste Rollen aus. Dabei harmoniert sie stets bestens mit Molina, der sie in seinen Gedanken beschwört, und zeigt auch ihr Können als Tänzerin. Als mystische Spinnenfrau umgarnt sie ihre Opfer und präsentiert das titelgebende Lied würdig mit ihrer dunklen, kräftigen Stimme. Leider dominiert das Orchester beim Klimax, sodass diese nicht gänzlich zur Geltung kommt.

Die etlichen weiteren Rollen sind bis in die kleinste Nebenrolle von talentierten Darstellern und Darstellerinnen besetzt, die in ihren Momenten zu glänzen wissen. Besonders stechen Franz Josef Koepp als bedrohlicher Gefängnisaufseher und David Rodriguez-Yanez mit klarer Stimme als verleugnender ‘Gabriel’ hervor. Das ganze Ensemble – unterstützt vom hauseigenen Ballett – füllt die fantastischen Vorstellungen mit Leben und tanzt die temporeichen Choreografien von Natalie Holtom stets mit guter Figur.

Die vielseitige Inszenierung von Werner Sobotka greift das Spiel zwischen Träumerei und Wirklichkeit gekonnt auf, schafft es aber nicht über die Langatmigkeit des ersten Akts, bedingt durch das zunächst schemenhafte Buch von Fred Ebb, hinwegzutäuschen. Besonders in der zweiten Hälfte zeigen sich die eindrucksvollen Bilder, zu den das Bühnenbild von Karl Fehringer & Judith Leikauf im Zusammenspiel mit Michael Grundners Licht ihren Teil beiträgt.

„Kuss der Spinnenfrau“ an der Bühne Baden besticht mit hervorragenden Darstellern in atmosphärischer Szenerie, kommt aber nicht ohne Makel aus. Nach der Pause zeigt das Stück dann seine emotionalere Seite, für die sich das zeitweise Ausharren lohnt.

Weitere Informationen und Tickets für „Kuss der Spinnenfrau“ in Baden erhaltet ihr hier.

Vielen Dank an die Bühne Baden für die freundliche Bereitstellung der Karten!

(Bildquelle (c) Christian Husar)

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