Diesen April hat „Next to Normal“ in Fürth sowie in Dresden  erneut gezeigt, dass Musicals mit ernsten Thematiken funktionieren und sogar begeistern können, was  spätestens klar wird als sich während des Schlussapplauses die ganze – in jedem Zuschauer angestaute Anspannung der letzten 2,5 Stunden – nahezu explosionsartig entlädt.

Das Stück zeichnet  ein Porträt von Diana Goodman und ihrer Familie, die allesamt unter dem Einfluss ihrer psychischen Krankheit stehen. Neben manischen und depressiven Phasen hat dies bei Diana die Auswirkung, dass für sie ihr – vor etwa 17 Jahren verstorbener – Sohn Gabe in Form einer Wahnvorstellung Teil der Familie ist. Dianas Tochter Natalie wird vollständig von ihrem Bruder überschattet und leidet darunter, dass sie für ihre Mutter beinahe unsichtbar ist. Auch fürchtet sie, dass sie sich ähnlich wie ihre Mutter entwickeln wird und stößt deshalb zunächst Henry ab, der sich in sie verliebt hat. Dan, Dianas Ehemann, versucht zwar, ihr zu  helfen und sie zu verstehen, ist aber hilflos und kämpft gegen seine eigene Dämonen an. Nachdem Diana ihre Medikation absetzt und einen Selbstmordversuch begeht, unterzieht sie sich einer EKT, einer Elektrokrampftherapie, die bei ihr einen fast vollständigen Erinnerungsverlust bewirkt.

Im Stück tritt Diana nun mit uns eine Reise in ihr Unterbewusstsein an. Wir erleben aber gleichzeitig auch, wie ihre Umgebung damit umgeht.

Einer der Gründe, warum man als Zuschauer gerade dieses Stück besonders intensiv erlebt, ist, dass man die Wahrnehmung Dianas erlangt: Denn auch das Publikum sieht Gabe als Person, und wie sie nimmt man ihren Arzt Dr. Madden als Rockstar wahr.
Die Musik ist der Schlüssel des Zuschauers zu Dianas Emotionen: Ihr Selbstmord, der Tanz im Traum mit Gabe und die Verlockung, mit ihm zu kommen, ist die erste Stelle im ersten Akt, in welcher musikalisch unter anderem durch die Melodie einer Spieluhr positive Ruhe einkehrt, die erst durch die Information von Dr. Madden unterbrochen wird, dass Diana versucht hat Selbstmord zu begehen.

Der Score an sich verdient gewissermaßen das Attribut „bipolar“: Der Song „Alles wird gut“ klingt manisch, ist unruhig und gehetzt. Dem steht beispielsweise Dans Solo „Wohin soll das führ´n“ gegenüber, worin er seinen emotionalen Konflikt eindrücklich beschreibt.

Auch wird dem Zuschauer die Identifikation mit den Charakteren erleichtert, da jeder bereits eine der Rollen, ob Teenager, Mutter oder Ehemann, in seinem Leben bereits erfahren hat. Zu der Identifikation durch die Stellung einer Rolle ist diese noch durch eines ihrer Motive möglich. Dies kann beispielsweise der Wunsch wahrgenommen zu werden, wie Natalie ihn äußert, oder die Hilflosigkeit Dans sein.

Alles in allem bewirkt das, dass wir uns auf einer emotionalen Achterbahn befinden. Gleichzeitig begreifen wir die Charaktere des Stücks durch die uns so gut zugänglichen Emotionen, bekommen aber auch unser eigenes Familienleben vor Augen geführt: Zwar werden die wenigsten im Zuschauerraum exakt die gleiche Familiensituation erleben. Doch werden gerade durch die Zuspitzung der Familiensituation wegen Dianas Krankheit Probleme in „ganz normalen“ Familien deutlich.

„Next to Normal“ ist somit kein Stück, in das man gehen kann, um in eine Fantasiewelt zu entfliehen, seine eigenen Probleme und Sorgen zu vergessen und nach 2,5 Stunden vergnügt und entspannt hinauszugehen.

Das Stück nimmt nicht nur jeden Zuschauer mit, sondern jeder Zuschauer nimmt auch dieses Stück mit sich mit. Denn beim  Zusehen begreifen wir uns selbst und die Welt um uns herum. Vor allem wird uns deutlich, dass Menschen im grundlegenden Sinne auf ihre Weise das Gleiche durchmachen. Deshalb endet das Stück nicht mit einer romantischen Versöhnungsszene, sondern lässt offen, wie Dianas Weg weitergehen wird. Einzig ist sicher:

Es gibt ein Licht.

Bleibt die Hoffnung nur in Sicht,

Söhne, Töchter, Männer, Frauen – vergesst es nicht:

Es gibt ein Licht.

 (Bildquelle (c) Thomas Langer)

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