Das preisgekrönte Musical „Die Weiße Rose“ gastiert zum Auftakt seiner Sommer-Tour im Düsseldorfer Capitol Theater und wird anschließend in verschiedenen deutschen Städten zu sehen sein. Wir waren dabei und berichten über einen bewegenden Abend, der Geschichte, Musik und aktuelle gesellschaftliche Fragen eindrucksvoll miteinander verbindet.
Das Musical „Die Weiße Rose“
Im Zentrum des Stücks steht die gleichnamige studentische Widerstandsgruppe, die sich während des Nationalsozialismus gegen das Regime stellte. Erzählt wird die Geschichte der Geschwister Hans und Sophie Scholl, die dem Unterdrückungssystem zunächst treu ergeben sind, dessen Folgen jedoch zunehmend kritisch betrachten. Krieg und Gewalt führen schließlich dazu, dass sie mit Gleichgesinnten passiven Widerstand leisten und durch die geschichtsträchtigen Flugblattaktionen klar für Menschlichkeit und Frieden eintreten – trotz des Wissens, dass ihr Engagement schwerwiegende Konsequenzen haben kann.
Das kreative Fundament des Musicals liefern die bekannten Musicalgrößen Vera Bolten (Buch, Songtexte, Regie) und Alex Melcher (Musik, Songtexte).
Das Buch orientiert sich eng an historischen Quellen und dokumentarischen Texten aus der damaligen Zeit, die stellenweise gelungen in die Songtexte eingebunden werden. So entwickelt sich eine vielschichtige Erzählung, die insbesondere die inneren Konflikte der handelnden Personen erlebbar macht und diese in den Vordergrund stellt.
Die Musik bewegt sich zwischen unterschiedlichen Stilrichtungen und spiegelt Gefühle wie Zweifel, Wut und Hoffnung wider. Die modernen, zeitlosen und teils rockig geprägten Songs fügen sich dabei stimmig in die Handlung ein, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Dennoch bleiben einige Lieder auch nach der Vorstellung im Ohr – etwa das Finale des ersten Aktes „Ein Deutsches Flugblatt“. Die siebenköpfige Band unter der Leitung von Johannes Still ist Teil der Inszenierung und hinter einem halbtransparenten Vorhang auf der Bühne platziert. In einigen Szenen wird dieser gelüftet und gewährt dem Publikum einen Einblick in die musikalische Arbeit.
Die Besetzung der Vorstellung:
Das elfköpfige Ensemble wird von Jonathan Guth als Hans Scholl und Friederike Zeidler als Sophie Scholl angeführt. Beide bringen eine herausragende Leistung auf die Bühne und überzeugen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich. Die Entwicklung der Geschwister Scholl von regimetreuen Jugendlichen zu Kämpfenden im Widerstand gestalten beide durchweg glaubwürdig, emotional und mitreißend. Vor allem Guths „Vers La Lumière“ gehört zu den musikalischen Höhepunkten des Abends und wird mit beeindruckender Kraft und Klarheit gesungen.
Adam Demetz (Alexander Schmorell), Julius Störmer (Willi Graf), Albert Gaßmann (Christoph Probst) verkörpern die weiteren Mitglieder der Widerstandsgruppe ebenso überzeugend. Die unterschiedlichen Beweggründe der drei Männer für ihre Teilnahme am Widerstand werden überzeugend und emotional herausgearbeitet.
Auch die weiteren Rollen sind gesanglich wie schauspielerisch hervorragend besetzt. Die teils szeneninternen Rollenwechsel – auch zwischen Figuren mit gegensätzlichen Interessen – gelingen dabei erstaunlich mühelos und bleiben jederzeit klar nachvollziehbar.
Die Show auf Tour:
Die Inszenierung ist bewusst symbolisch angelegt und trägt eine klare inhaltliche Bedeutung. Sie stellt Fragen nach Verantwortung, Zivilcourage und persönlicher Haltung in politisch unsicheren Zeiten. Besonders unterstrichen wird dies dadurch, dass das Ensemble in vielen Szenen als „breite Masse“ im Hintergrund der Bühne präsent bleibt – eine Masse, die die Entwicklungen der damaligen Zeit teils kritisch beobachtet, sie jedoch oft dennoch hinnimmt. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Debatten sowie einer zunehmenden Radikalisierung an den politischen Rändern ist das Stück daher besonders aktuell.
Die Entwicklung der Charaktere spiegelt sich auch im schlichten Kostümbild von Franziska Wüst wider, das die Veränderungen in nahezu beiläufig wirkenden Details sichtbar macht: Von zunächst einheitlichen schwarzen Kostümen ausgehend, erhalten die Protagonisten im Verlauf zunehmend farbliche Akzente – etwa Sophie Scholl mit einer roten Strickjacke.
Der Besuch des Stücks dürfte beim Publikum keine besonderen Erwartungen an groß choreografierte Ensemble-Nummern wecken. Die Choreografien von Bart de Clercq treten meist zugunsten der Geschichte in den Hintergrund, sind dabei jedoch kunst- und kraftvoll gestaltet und werden vom gesamten Ensemble überzeugend umgesetzt.
Das Bühnenbild wirkt kühl und bewusst reduziert. Durch bildliche Einblendungen von Originalaufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus sowie von Zeichnungen der Sophie Scholl (illustriert von Jens Hahn) gewinnt das schlichte Bühnenbild an symbolischer Tiefe. Auch Audioausschnitte aus Propagandareden führen im Publikum zu sichtbar erschütterten Reaktionen. Mehrere schwarze Boxen werden szenisch flexibel eingesetzt und entfalten trotz ihrer Schlichtheit eine große Vielseitigkeit.
Besonders eindringlich bleibt die finale Szene des zweiten Akts „Heut und in Ewigkeit“ im Gedächtnis, in der die verhafteten Mitglieder der Widerstandsgruppe in einem emotional aufwühlenden Wechsel zwischen Gerichtsprozess und dem Schreiben letzter Worte an ihre Familien gezeigt werden. Am Ende dieser Szene herrscht eine bemerkenswerte Stille im Theater, während viele sich die Tränen aus den Augen wischen.
Auch den Darstellerinnen und Darstellern ist am Ende der Vorstellung eine spürbare emotionale „Mitgenommenheit“ anzumerken – umso höher ist die Leistung des Ensembles zu würdigen und die Bedeutung dieses Stücks einzuordnen. Denn dieses Musical zeigt, dass das vermeintliche Gute-Laune-Genre Musical auch Raum für gesellschaftlich relevante Themen bieten und ein gemeinsames Nachdenken anstoßen kann. Wertvoller kann ein Theaterabend in der heutigen Zeit kaum sein.
„Die Weiße Rose“ ist ein eindringliches, stark gespieltes Musical, in dem die Musik vor der Geschichte zurücktritt. Die reduzierte Inszenierung, die überzeugende Leistung der Darstellerinnen und Darsteller und ein emotionales Finale machen den Abend, der Geschichte und Gegenwart miteinander verbindet, intensiv und nachwirkend. Unbedingt ansehen!
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere Informationen und Tickets für „Die Weiße Rose“ auf Tour gibt es hier.
Besuchte Vorstellung: NRW-Premiere am 17. Juni 2026 – Capitol Theater Düsseldorf
Vielen Dank an ATG Entertainment für die freundliche Einladung zur Vorstellung von „Die Weiße Rose“ in Düsseldorf
(Bildquelle © Jonas Melcher)

Tim ist 28 Jahre alt und seit Anfang 2025 Mitglied des Musicalzone.de-Teams. Seit seinem ersten Musicalbesuch im Alter von acht Jahren bei „Starlight-Express“ sind Musicals nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Nach seinem Bürojob besucht er in seiner Freizeit gerne das Theater und fachsimpelt im Anschluss mit anderen Fans. Daneben hat er eine Leidenschaft für Brettspiele und das Entdecken neuer Reiseziele – am besten solche, die sich mit einem Musicalbesuch verbinden lassen.





